
erstes zertifiziertes Passivhaus in Sachsen, Schkortitz bei Grimma,
Foto: Kettner
Was ist ein Passivhaus?
Ein Passivhaus ist ein Gebäude,
- das „passiv“ Sonnenenergie z. B. durch großzügige Glasflächen nach Süden nutzt,
- das durch eine hochwertige, fast wärmebrückenfreie und gut gedämmte Gebäudehülle die eingestrahlte Sonnenenergie und die Wärme aus inneren Quellen im Haus hält. Die Fensterflächen sind dreifachverglast mit speziell gedämmten Rahmen.
- das durch ein Komfort-Lüftungssystem eine frische, behagliche und selbst für Allergiker gut geeignete Raumatmosphäre garantiert, dabei die Wärme der Abluft zum Heizen nutzt.
- Die Gebäudehülle muss dicht sein. Der obligatorische Blower-Door-Test spürt ggf. noch vorhandene Leckagen auf. Der gemessene Wert darf beim Passivhaus maximal 0,6 h -1 ausweisen.
- Der verbleibende Heizwärmebedarf soll max. 15 kWh/m²a betragen.
- Der Primärenergiebedarf (Heizung) soll als KfW-Förderkriterium nicht über 40 kWh/m²a (berechnet nach EnEV 2009) liegen; nach Berechnung des Passivhausinstituts soll der PE-Kennwert einschl. WW und Haushaltstrom max. 120 kWh/m²a betragen.
Das Passivhaus ist warm auch ohne konventionelles Heizsystem (Heizkessel, Heizkörper). Die simpelste, aber nicht gerade ökologische Variante wäre eine Heizpatrone zum elektrischen Nachheizen bei Bedarf. Wer mehr Komfort und Behaglichkeit mag, kann auch eine partielle Wand- oder Fußbodenheizung integrieren. Als Heizquelle für den geringen Restwärmebedarf könnte je nach konkreten Bedingungen und Wünschen der Bauherren z. B. eine thermische Solaranlage und/oder Erdwärme (eher beim MFH sinnvoll) genutzt werden, die ggf. im Sommer auch kühlen helfen. Vor allem im EFH könnte zudem ein raumluftunabhängiger Kamin integriert werden, der zugleich das Wasser erwärmt. Sofern Fernwärme anliegt, wäre das vor allem bei einem größeren Gebäude mit mehreren Wohneinheiten eine Option ebenso wie eine Holzhackschnitzelheizung bzw. Nahwärmenutzung oder Kraft-Wärme-Kopplung. Entscheidend ist ein stimmiges Gesamtkonzept, das Heizung einschließlich Warmwasserbereitung ebenso einschließt wie die Sicherung angenehmer Temperaturen im Sommer.
Im Vergleich zu einem Bestandsgebäude benötigt ein Passivhaus rund 90 % weniger Heizenergie. Gegenüber einem vergleichbaren Neubau, der nach im Oktober 2009 verschärften Energieeinsparverordnung (EnEV 2009) errichtet wird, ist der Heizenergiebedarf immer noch etwa 50 % geringer.
Komfortwohnen im Passivhaus
Passivhausbesitzer schätzen neben der Heizenergieeinsparung zugleich den hohen Wohnkomfort ihrer Häuser: Durch die gute Dämmung sind alle Innenwände und Fußböden gleichmäßig warm, auch die an die kalte Außenluft grenzenden Bauteile. Das schafft eine hohe Behaglichkeit. Die Luft wird in allen Räumen als angenehm frisch empfunden. Während Bewohner konventioneller Häuser im Winter entscheiden müssen, ob sie bei Frost nachts lieber frische Luft im Schlafzimmer haben oder die Wärme im Haus halten wollen, stellt sich im Passivhaus diese Frage nicht. Die Luft ist im Passivhaus zudem besonders rein, weil Filteranlagen vor Straßenstaub und in der warmen Jahreszeit vor Pollen schützen. Passivhäuser bieten noch mehr an Gesundheitsschutz. Die gleichmäßig temperierten Wände und die automatische Lüftung verhindern das Entstehen von Kondenswasser und damit von Schimmelpilzen an Wänden und in Zimmerecken – in den heute sehr dichten Gebäudehüllen konventioneller Neubauten ein Problem für den Baukörper ebenso wie für die Gesundheit der Bewohner. Wer das möchte, kann im Passivhaus trotzdem die Fenster öffnen. Er muss nicht, kann es aber. Steht das Haus in einer ruhigen Gegend, lässt sich jenseits der Heizperiode die Lüftung ganz ausschalten. In der warmen Jahreszeit bei offenem Fenster zu schlafen, ist somit auch im Passivhaus kein Problem.
In verkehrsintensiveren Innenstadtlagen können Passivhausbewohner die urbane Lage genießen und dank Lüftung immer ruhig bei frischer Raumluft schlafen.
Passivhausbauweisen sind vielfältig
Prinzipiell gibt es kaum eine Einschränkung: Sowohl Massiv- als auch Fertig- bzw. Holzhäuser und selbst Strohballenhäuser lassen sich in Passivhausbauweise errichten. Einfache Baukörper ohne Erker, Gauben, Vorsprünge sind ökonomischer, weil die Gefahr von Wärmebrücken reduziert wird und die Dämmung (25 bis 45 cm) leichter zu realisieren ist. Wenn Raumproportionen, Farben und Materialien gut gewählt sind, wirkt ein Bau ohne „Schnörkel“ überzeugend und großzügig, zumal große Fensterflächen mit Wärmeschutzverglasung für ein Passivhaus kein Problem darstellen – erst recht nicht im Winter. Beispiele wie der Passivhauskindergarten St. Florian in Döbeln, zeigen, dass bei geschickter Planung auch eine großzügige Verglasung nach Norden im Passivhausstandard realisierbar ist. Das Haus sollte jedoch von Beginn an und möglichst mit erfahrenen Architekten als Passivhaus geplant werden
Passivhaus und Naturbaustoffe

Querschnitt PH-Fenster,
PH-Ausstellung SAENA
Ein Passivhaus ist nicht automatisch auch ein mit ökologischen Baustoffen errichtetes Haus. Deshalb sollte nicht zuletzt bei den Dämmstoffen geprüft werden, welche Vorzüge Naturfasern wie Hanf, Flachs, Holzfaserdämmstoffe oder Zellulose bieten. Neuerdings gibt es sogar monolithische passivhausgeeignete Ziegelsteine als Baumaterial, die keine zusätzlichen Variante Kalksandstein plus Wärmedämmverbundsystem. Wieder zunehmend geschätzt wird auch Lehm als Baustoff: von Lehmsteinen für Innenwände bis zu Lehmputz. Lehm reguliert gut die Feuchtigkeit in der Wohnung und vermag möglicherweise vor Elektrosmog zu schützen. Aber das ist ein anderes Thema.
Kleiner Schritt zum Plusenergiehaus
Wer auf dem Dach oder in die Fassade seines Passivhauses Photovoltaikmodule klug integriert, kann das Haus zumeist unkompliziert zum Plusenergiehaus umfunktionieren, indem er rein rechnerisch mehr Strom produziert als er für Haustechnik und Haushalt selbst benötigt. Ob diese zusätzliche Investition sinnvoll ist, sollte entsprechend den aktuellen Bedingungen durchgerechnet werden.
Im Rahmen des Netzwerks wird mit der Simulation verschiedener Energie- und Haustechnikvarianten einschließlich Photovoltaik gearbeitet, um dem Bauherrn eine solide Entscheidungsbasis zu geben.
Passivhaus ab 2021 Standard im Neubau
Das erste Passivhaus wurde bereits vor ca. 20 Jahren errichtet. Inzwischen gibt es europaweit mit Stand Frühjahr 2011 bereits rund 32.000 realisierte Passivhäuser, die meisten davon in Deutschland und Österreich. Inzwischen entstanden die ersten Passivhäuser aber auch in Kanada, den USA, Japan, Korea und China.
Neben Wohnhäusern wurden in Europa vor allem Kindertagestätten und Schulen als Passivhaus errichtet, unter anderem, weil viele Studien gezeigt haben, dass dank kontrollierter Lüftung eine deutlich gesundere Luft in den Klassenzimmern und Gruppenräumen die Aufmerksamkeit der Kinder spürbar verbessert.
Es gibt Senioren- und Pflegeheime in Passivhausbauweise, Büro- und Verwaltungsgebäude, Gemeindezentren und Geschäftshäuser.
Ab dem 1. Januar 2021 muss jedes in Europa neu errichtete Gebäude einen „Energieverbrauch nahe Null“ nachweisen. Das wäre also mindestens Passivhausstandard. Für Neubauten der öffentlichen Hand gilt das bereits ab 2019. So legt es die 2010 verabschiedete Neufassung der EU-Gebäuderichtlinie fest.
In Deutschland wird spätestens 2013 die derzeitige EnEV 2009 noch einmal um 30 % verschärft. Das ist in zwei Jahren und wird dann schon dem Passivhausstandard relativ nahe sein.
Passivhaus ist ein technisch ausgereifter Standard, dessen verschiedene Varianten auch forschungsseitig bestens dokumentiert sind. Vor allem größere Gebäude werden mit einem Monitoring oft noch ein bis drei oder mehr Jahre mit zahlreichen Messwerten dokumentiert, um zu verstehen, wie sich welche Technikkomponente verhält und wie sie sich ggf. im laufenden Betrieb weiter optimieren lässt.

PH-Ausstellung SAENA
Die Industrie hat sich, oft in Zusammenarbeit mit Forschungsinstituten, mit einem breiten Produktspektrum auf diese Bauweise eingestellt und bietet z. B. Hightech-Fenster mit verschiedenen Eigenschaften, Lüftungs- und Dämmsysteme aller Art, Luft-, Wasser- und Erdwärmepumpen sowie Leichtbau-Materialen, die tagsüber den Räumen Wärme entziehen und nachts wieder abgeben (Phase Change Materials).
Dennoch: Ein Haus als Passivhaus zu errichten ist ein sehr komplexes Vorhaben und jeder Interessent ist gut beraten, wenn er reichlich Zeit für die Vorbereitung plant, sich Praxisbeispiele anschaut, mit den Eigentümern ebenso wie mit Fachplanern oder Architekten über deren Erfahrungen spricht. Wir unterstützen Sie gern dabei.






