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07/2009 - Erstes Passivhaus mit Ziegelfassade entsteht in Sachsen

Neuer Ziegel für ökologisch motivierte Bauherren

Passivhaus im Bau
Das Gartengeschoss ist rohbaufertig

Manche Familie würde sich beim Eigenheimbau für ein Passivhaus entscheiden, weil es mit seinem minimalen Heizenergiebedarf gut für die Umwelt und für langfristig niedrige Betriebskosten ist. Einer der Gründe, die sie bisher von dieser Entscheidung abgehalten hat, ist ein Unbehagen beim Gedanken an den üblichen Fassadenaufbau mit einem 30 cm dicken Wärmedämmverbundsystem aus Styropor: zu monströs, zu künstlich.

Seit diesem Frühjahr kann man Passivhäuser erstmals auch mit einer Ziegelfassade bauen. Der 49 cm dicke Ziegelstein benötigt keine zusätzliche Dämmung mehr. Seine filigranen Ziegelstrukturen im Innern sind gefüllt mit natürlichen Mineralgranulaten (einer Art Steinwolle), die aus Basalt gewonnen werden und versprechen eine exzellente Wärmedämmung, guten Schallschutz und eine angenehme Raumatmosphäre. Der Stein wurde von der Firma Coriso (Unipor) in Zusammenarbeit mit dem Passivhausinstitut Darmstadt entwickelt und zudem vom Institut für Baubiologie in Rosenheim geprüft und empfohlen.

Olaf Reiter Bauleiter
Architekt Olaf Reiter auf der Baustelle
Das erste Passivhaus mit monolithischer Ziegelfassade in Sachsen und eines der ersten in Deutschland errichten jetzt die Dresdner Bauherren Heike und Andreas Menschel. Das passivhaustaugliche Ziegelsysstem ist so neu, dass die Planung fertig war und der Bau beginnen sollte, aber für den Stein noch die bauaufsichtliche Zulassung fehlte. Es vergingen mehrere Wochen bis er ausgeliefert werden konnte. Ende des Jahres soll der Bau fertig sein.



Freistaat Sachsen verbessert Förderung von Passivhäusern

Für Heike und Andreas Menschel war der neue Stein, den ihnen Architekt Olaf Reiter empfohlen hatte, die Voraussetzung für eine Passivhausförderung als Modellprojekt (Zuschuss von 60 € je m² Energiebezugsfläche).

Passivhausziegel
Innenleben des neuen Ziegels

Als Baugemeinschaft hatten sie zusammen mit vier weiteren Bauherren Anfang des Jahres ein Grundstück an der Arno-Holz-Allee in Dresden erworben und hätten gern alle ihr Einfamilienhaus als Passivhaus errichtet. Aber Modellprojekt durfte nur eines sein und so entschieden sich die übrigen Bauherren aus Kostengründen für eine Ausführung als Niedrigenergiehaus. Ambitioniert sind die Häuser alle, energetisch wie gestalterisch. Architekt Olaf Reiter konnte die fünf Bauherren von einer gemeinsamen Grundstruktur der Häuser überzeugen, die jedoch so frei variiert wurde, dass kein Haus im Detail dem anderen gleicht und jeder seine Wohnwünsche verwirklichen konnte von der Schlafgalerie für die Kinder auf dem Dach bis zum großen Über-Eck-Panoramafenster ins grüne Umfeld.
Inzwischen werden neue Passivhäuser im Freistaat generell mit 100 € pro m² beheizter Wohnfläche bezuschusst. Für die vier Bauherren zu spät. Schade. Aber künftigen Bauherren wird die Förderung eine Entscheidung für den Passivhausstandard erleichtern. „Ein richtiges Signal“, findet Heike Menschel, „denn wie wir jetzt wissen, fallen die Kosten doch etwas höher aus als ursprünglich geplant.“

Mehrkosten und Besonderheiten des ersten Ziegel-Passivhauses

Als Mehrkosten für den Passivhausstandard muss man mit 10 bis 13 % beim Einfamilienhaus rechnen je nach konkreten Komponenten und gewünschtem Komfort,erklärt Architekt Olaf Reiter. Heike Menschel schränkt ein, dass die Zuordnung der Zusatzkosten  fürs Passivhaus nicht leicht fällt, denn eine Lüftung mit Wärmerückgewinnung und eine 3-Scheiben-Wärmeschutzverglasung hätten sie aus Effizienz- und Komfortgründen ohnehin integriert. Ein Teil des Mehraufwandes resultiert hier zudem aus den Mehrkosten des Ziegelsteins und demzusätzlichen Aufwand bei seiner Verarbeitung. Aber von der Ziegel-Fassade sind beide Bauherren auch aus ästhetischen Gründen überzeugt. Hier können die Fensterzum Beispiel bündig in die Fassade integriert werden ohne dadurch Wärmebrücken zu verursachen.

Das Haus für die vierköpfige Familie wird vom in den Hang gebauten Gartengeschoss über das ganz offene Erdgeschoss für Wohnen, Essen und Kochen bis zum Dachgeschoss rund 180 m² Wohnfläche haben. Der geringe Rest-Heizwärmebedarf während der kalten Jahreszeit wird durch einen speziellen Pelletkaminofen im Wohnzimmer gedeckt, der mit automatisch zugeführten Holzpellets arbeitet. Rund 80 % der so erzeugten Wärme dient dann der Warmwasserbereitung, die sonst über eine Solaranlage auf dem Dach sicher gestellt wird.
Im Dezember soll das Haus fertig sein. Wenn der Baufortschritt es zulässt, können sich Heike und Andreas Menschel vorstellen, ihr Haus Anfang November zum Tag des Passivhauses für Besucher zu öffnen.

Steckbrief des neuen Ziegelsteins:

Ziegel Unipor W07
Wärmeleitwert 0,07 W/mK
U-Wert 0,14 W/m²K

Dr. Ursula Unger 07/2009