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04/2007 - Passivhaus-Tagung 2007: kostenneutral Klimaschutz und Komfort verbinden

Mehr als 1000 Fachbesucher aus aller Welt

Vorplatz
2004 fertig gestelltes sehr kosten- günstiges Passivhaus mit preiswerter textiler Fassade (4 €/m² verlegter Fläche) in Feldkirch, Vorarlberg. Heizwärmebedarf 15 kWh/m²a (berechnet).

Ob es am Bodensee lag mit den Vorarlberger Schneegipfeln im Hintergrund, am modernen Festspielhaus Bregenz als Tagungsort direkt am See? Am Engagement des Energieinstituts Vorarlberg, das im kleinsten österreichischen Bundesland die größte Anzahl an Passivhäusern pro Einwohner weltweit verzeichnen kann? Jedenfalls hatte die diesjährige Passivhaustagung Mitte April mit über 1000 Fachbesuchern aus etwa 40 Ländern, darunter fast allen europäischen, aber auch aus den USA und Kanada mit einem Plus von 40% gegenüber dem Vorjahr den absoluten Beteiligungsrekord. Dresden war mit immerhin 3 Teilnehmern recht präsent.

Wenn schon – denn schon

Mehr als 10.000 gebaute Passivhäuser beweisen, so das Passivhausinstitut Darmstadt, dass hoher Wohnkomfort bei geringsten Heizkosten möglich ist.
Eine maximale Umsetzungsgeschwindigkeit dieses Standards bei Neubau und Sanierung könnte zugleich einen wesentlichen Beitrag leisten, um über die deutliche Reduzierung des Verbrauchs von fossilen Energieträgern den weltweiten Klimakollaps zu verhindern, während ein niedrigerer Standard wie EnEV - 30% eindeutig nicht ausreichen würde, die notwendige Senkung des CO2-Ausstoßes bis 2040 zu schaffen. Der „maximale Umsetzungsgeschwindigkeit“ bei Sanierung im Passivhausstandard wurden die ökonomisch sinnvollen Erneuerungszyklen der Bauteile zugrunde gelegt. Nach der Analyse des Passivhausinstituts sind alle entsprechenden Einzelmaßnahmen für die Gebäudeeigentümer wirtschaftlich sinnvoll. Auch wenn die energiebedingten Investitionskosten fast doppelt so hoch liegen, ist die Energiekosten-Einsparung ebenfalls doppelt so hoch. Aber eine heute z. B. nur 10 cm gedämmte Putzfassade, ist für die nächsten 50 Jahre quasi „erledigt“. Solange muss unter wirtschaftlichem Aspekt eine Sanierung halten. „Wenn schon, denn schon“ sollte deshalb als Grundprinzip bei Neubau wie bei Sanierung gelten.
„Es geht nicht um Lösungen, die ein wenig Energie sparen, sondern um solche, die definitiv zu einer nachhaltigen Struktur führen“, so Dr. Wolfgang Feist, „Vater“ des Passivhauskonzepts und Direktor des Passivhausinstituts.

Regionale Wertschöpfung

Eine österreichische Studie belegt, dass die konsequente Umsetzung der Passivhausbauweise interessante volkwirtschaftliche Effekte auslösen kann wie eine höhere Wettbewerbsfähigkeit durch Innovation und geringe Energiekosten, aber auch zusätzliche Investitionen, einen Qualifikationseffekt, wachsende regionale Wertschöpfung und Beschäftigung. Politisch unterstützt wird die Passivhausbauweise z. B. durch das österreichische Förderprogramm „Haus der Zukunft“.
Auffällig ist die deutlich zunehmende Unterstützung von Energieeffizienz und Passivhausbauweise durch regionale Festlegungen. So ist Passivhausstandard seit Januar 2007 im Bundesland Vorarlberg für den öffentlich geförderten sozialen Wohnungsbau verpflichtend. In der Stadt Frankfurt hat das Stadtparlament bereits im Mai 2006 beschlossen, bei allen Neubauvorhaben die Realisierung in Passivhausbauweise zu prüfen. Die Wohnungsbaugesellschaft der Stadt Frankfurt FAAG hat erklärt, Wohnbau künftig nur noch im Passivhausstandard zu errichten.
Belgien will bis 2010 200 Schulen im Passivhausstandard neu bauen oder sanieren. Die Stadt Wien schreibt gerade 1.000 Wohneinheiten im Passivhausstandard für das Wohngebiet Aspanggründe aus.
Eine Nachfrage bei zwei Dresdner Wohnungsgenossenschaften, der WOBA und dem Hochbauamt ergab, dass sich die Entscheidungsträger bislang wenig mit den Möglichkeiten dieser Bauweise befasst haben und die Haltung zurzeit eher abwartend bis distanziert ist. Ein Umdenken infolge der Auswertung positiver Erfahrungen anderer wäre eine Chance für den Standort.

Ambitionierte Architektur und technische Neuerungen

Mehrere Architekten demonstrierten, wie ein Passivhaus auch bei grundstücksbedingten oder funktionalen Zwängen eine ausdrucksstarke Form verwirklichen kann. Die Rolle des Architekten als Vermittler zwischen dem Spannungsfeld von Technik und Gestaltung könnte mit dem Passivhaus eine Renaissance erfahren, erläuterte Architekt Gernot Vallentin u. a. am Beispiel eines Atriumhauses und eines von Norden belichteten Atelierhauses. Dabei ist der Anwendungsbereich der Passivhausbauweise längst über das Wohnhaus hinaus gewachsen und umfasst heute Geschäftshäuser, Kitas und Schulen ebenso wie Bürogebäude, Gemeindezentren und Fabrikhallen. Mehrere eindrucksvolle Gebäude konnte während einer Exkursion besichtigt werden. Neue Werkstoffe und Gerätetechnik wie eine semizentrale kostengünstige Komfortlüftung wurden auf der begleitenden Ausstellung erläutert.

Aus dem Exkursionsprogramm der Passivhaustagung:

Vorplatz2005 fertig gestelltes Gemeindezentrum in Ludesch, Vorarlberg. Es realisiert nicht nur Passivhausstandard, sondern ist maximal ökologisch aus einheimischer Weißtanne, von einheimischen Handwerkern in höchster Qualität und bestem Designgefertigt.

Der Vorplatz ermöglicht einen angenehmen Aufenthalt durch die Verschattung mit Photovoltaikflächen. Im Innern beherbergt es Gemeindeamt, Bücherei, Seminar, Veranstaltungs- und Vereinsräume, Café, Geschäfts- und Büroflächen. Heizwärmebedarf 13,8 kWh/m²a (berechnet).

Detail des ersten österreichischen Hauptschulgebäudes im Passivhausstandard, 2003 gemeinsam von den 3 benachbarten Gemeinden Klaus, Weiler und Fraxern in Holzbauweise errichtet. Heizwärmebedarf 11,4 kWh/m²a (gemessen).

Weitere Information
Was charakterisiert ein Passivhaus

Ein PH setzt auf solare Gewinne, die durch eine hochwertige, weitgehend wärmebrückenfreie Gebäudehülle im Haus gehalten wird. Eine Komfortlüftung garantiert beste Luftqualität, während die Wärme der Abluft zur Heizung verwendet wird und sowohl die Frischluft in der kalten Jahreszeit temperiert als auch Warmwasser bereitet. Die Restheizung ist auf maximal 15 kWh pro m² Wfl. und Jahr reduziert, was eine konventionelle Heizung überflüssig macht und sich z.B. über Geothermie, Solarthermie, einen passivhaustauglichen Kaminofen oder Heizpatronen realisieren lässt.

Kosten

Gesamtkosten für Heizung und Warmwasser von 120 bis 150 € im Jahr bei Wohnflächen zwischen 120 und 200 m² sind realistisch. Die investiven Zusatzkosten betragen beim Einfamilienhaus rund 10%, also 20.000, maximal 30.000 €. Dank der günstigen kfw-Darlehen ist die zusätzliche Monatsbelastung für Zins und Tilgung dieses Betrags etwa ebenso hoch wie die gleichzeitig realisierte Einsparung bei den Kosten für Heizung und Warmwasser, so dass ein Passivhaus, richtig geplant, heute bereits von Anfang an wirtschaftlich ist.
Dank der steigenden Stückzahlen hält Dr. Feist vom Passivhausinstitut eine weitere Senkung des Preises für Passivhauskomponenten von ca. 5% im kommenden Jahr für möglich.

Komfort

Die gut gedämmten Außenwände und die dreischeibenwärmeverglasten Fenster strahlen im Winter keine Kälte ab, was zusammen mit der Komfortlüftung ein behagliches Raumklima ergibt. Diese Kombination schützt zugleich zuverlässig vor Schimmelbefall und beugt so Allergien vor. Wann immer man mag, kann man dennoch die Fenster öffnen. Im Sommer vermag ein Passivhaus zudem überdurchschnittlich vor Hitze zu schützen.

Regionale Ansprechpartner

In Dresden bringt das Netzwerk Nachhaltig Bauen passivhauserfahrene Architekten und an Passivhausstandard interessierte private oder öffentliche Bauherren zusammen. Zurzeit entsteht das erste Wohnprojekt im Passivhausstandard, zwei Mehrfamilienhäuser mit je vier komfortablen Etagenwohnungen in zentraler Lage. Vorgesehen ist eine Realisierung als Bauherrengemeinschaft.
Im Freistaat ist das Energieeffizienzzentrum (www.passivhaus.sachsen.de) Ansprechpartner für Beratung, Beispielprojekte und Landesförderung.

Dr. Ursula Unger 4/2007