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11/2006 - Anders bauen - Effizienz trifft Sinnlichkeit

altIm Chemnitzer Vorort Euba, Hauptstraße110c, treffen an einem verregneten Novembersonntag immer wieder Besucher ein. An der Pforte informiert heute ein Infoblatt, dass die Heizkosten in diesem Haus nur 150 € im Jahr betragen. Es ist der 3. Tag des Passivhauses, ein Tag der offenen Tür, an dem Eigentümer von Passivhäusern in Deutschland und den Nachbarländern Einblick geben, wie so ein Haus funktioniert und wie man sich darin fühlt.

Gegensätze im Dialog

Andreas Madreiter favorisiert die Ästhetik des Bauhauses mit ihren klaren Formen, zeigt offen die konstruktiven Elemente statt sie zu verbergen. Eine Sichtbetonwand bildet das massive Rückgrat des Hauses nach Norden. Nicht nur das von oben belichtete Treppenhaus zeigt den Sichtbeton. Auch die Sitzecke im Wohnzimmer befindet sich an dieser Wand. Im Schlafzimmer stehen die Betten mit dem Kopfenden am Beton.

Und doch: es funktioniert, ist einfach stark, weil Hausherrin Heike Janthur Lösungen fand, die diesen Wänden eine intensive Ausstrahlung und Kraft verleihen.

Die Wand mit der Sitzgruppe im Wohnzimmer erhielt ein dominantes Wandelement von warmem Rot. „Seine Kreisform“, erläutert Heike Janthur auf meine Frage, „steht für Zusammenkommen, Gruppenbildung, Verbindung…“. Das ist perfekt. An der Schlafzimmerwand assoziiert eine schwarz-weiß gehaltene Landschaft mit Wasser und Steinen, die fast die ganze Fläche einnimmt, Ruhe, ewigen Kreislauf, Natur.

Heike Janthur ist ausgebildete Feng-Shui-Beraterin und mag es jedenfalls eher gediegen, sinnlich. So folgen die Wohnfunktionen auch dem Lauf der Sonne. Das Schlafzimmer nach Osten fängt die Morgensonne ein, der Essplatz ist nach Süden orientiert, die Sitzecke nutzt die Abendstimmung. Die Kombination von Farben und Materialien unterstützt alle grundlegenden Lebenselemente und hält sie im Gleichgewicht.

So wird die Küche vom Flur getrennt durch eine rustikal wirkende Wand aus gebrannten alten Ziegeln, die für das Feuerelement stehen, vor allem aber ein Stück Geschichte zu transportieren scheinen. Darin ist ein kleines Fenster aus einem Abbruchhaus eingefügt, als würden hier verschiedene Zeiten spielerisch miteinander verknüpft.


Begeistert vom Haus sind natürlich auch die beiden Jungs und stolz auf ihr eigenes phantastisches Reich.

Wie das Haus zum Passivhaus wurde

Um auf dem relativ kleinen Grundstück ein Haus errichten zu können, das Platz für ein Büro und Wohnraum für vier Personen bietet, wurde das Haus so an das Gelände angepasst, dass es fast mit dem Hang verschmilzt oder aus ihm heraus zu wachsen scheint. Die starke Erdhaftung wird relativiert durch eine maximale Öffnung zum Licht mit einer umlaufenden Glasfassade. Die Holzkonstruktion wirkt dadurch leicht und filigran.

„Am Anfang stand gar nicht fest, dass es ein Passivhaus wird“, erzählt Andreas Madreiter. Aber die großen Glasflächen ringsum sollten immer behaglich temperiert sein. Das garantieren nur dreifach verglaste Passivhausfenster, deren Preis heute zum Glück nicht mehr gravierend höher ist, so Madreiter. Zudem wurden damit Heizkörper am Fenster überflüssig. Die Fenster mit ihren wärmegedämmten Holzprofilen erreichen einen hervorragenden U-Wert von 0,75. Andreas Madreiter hat sie von einheimischen Handwerkern herstellen lassen und zeigt mir, dass raumhohe Glasschiebetüren auch mit dreifachvergasten Scheiben funktionieren. Trotz ihres beträchtlichen Eigengewichts gleiten sie leicht in den Schienen. Nur beim (luftdichten) Verriegeln spürt man die Schwere der Tür.

Heizen mit Luft

Nachdem die Fensterfrage geklärt war, erwies sich eine Kombination mit einem Wärmepumpen-Kompaktgerät als wirtschaftlichste Variante. Die Heizung und Warmwasserbereitung erfolgt im Wesentlichen nur über die Luft, konkret über Luft- und Wasser-Erwärmung mittels Wärmerückgewinnung aus der Fortluft. Zusätzlich wird die Frischluft vor dem Eintritt ins Haus im Rohr durch das Erdreich geführt und vortemperiert.

Bei Minusgraden kann mit einem Raumluft unabhängigen Kamin, dessen Hauptwärme an den Speicher geht, nachgeheizt werden. „Da reichen schon 2-3 Holzscheite“, erläutert Andreas Madreiter. „Würde man gar nicht nachheizen, sinkt die Raumtemperatur bei Minusgraden um jeweils etwa ein Grad pro Tag“. Nur bei großer Kälte wird elektrisch nachgeheizt. Das waren im vergangenen Jahr 150 € Heizkosten.

Sogar auf eine Solaranlage konnte verzichtet werden. Andreas Madreiter versichert, dass immer genügend Warmwasser da ist. Der Technikraum fällt kaum größer aus als bei einem gewöhnlichen Haus. Die Lüftung sieht man nicht und hört sie nicht. Und in der warmen Jahreszeit stehen natürlich die Terrassentüren auf, wann immer man das mag.

Fazit

Ein erstaunliches Haus, das mit wenig Technik auskommt, unabhängig ist von Öl und Gas, im Einklang mit der umgebenden Natur gebaut wurde. Es zeigt, welche Kraft und Lebendigkeit aus einer konstruktiven Verbindung von Gegensätzlichem erwachsen kann und gibt so Hoffnung für die Zukunft.

Ergänzende technische Daten

Außenwand: zweischalige Holzständerwand mit 34 cm Wärmedämmung. Brandwand aus Stahlbeton mit 24 cm Wärmedämmverbundsystem, Außenwand zum Erdreich aus Stahlbeton mit 18 cm Perimeterdämmung.

Dach: begrüntes Flachdach mit 30 cm Wärmedämmung auf Holzunterkonstruktion,

Boden: Stahlbetonplatte auf 40 cm Schaumglasschotter, darauf 10 cm Wärmedämmung.

U-Wert Außenwand : 0,13 W/(m²K)

Heizwärmebedarf: 15 kWh/(m²a)

Baukosten (Kostengruppe 300 und 400):1.303 €/m² Wohn-/Nutzfläche

Dr. Ursula Unger 11/2006