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10/2006 - Anders bauen – Ein Haus aus Licht

Offenheit statt "Cocooning"

altJetzt steht es fertig da, fast unauffällig von weitem, zum Staunen, wenn man aus der Nähe sieht, mit wie scheinbar einfachen Formen Größe und Lebensgefühl vermittelt werden. Es wirkt wie ein Haus aus Licht, ganz auf das Wesentliche reduziert. Die Wände scheinen nur da zu sein, um dem Licht eine Fassung zu geben, für die Bewohner die wechselnden Naturstimmungen einzufangen. Innen und Außen verbünden sich spielerisch, die Grenze scheint virtuell. Selbst die Fassadenfarbe, im Konzept viel auffälliger, ist ganz zurück genommen. Mehr ist nicht vonnöten.

Ein ungewöhnliches Reihenhaus

„Wir suchten ein modern gestaltetes Haus, offen und transparent“, erklärt Bauherr Lutz Kriegel. „In einem konventionellen Haus mit Keller und umgeben von blickdichtem Grün haben wir 14 Jahre lang gewohnt“. Das hatten Kriegels Anfang der 90er Jahre in Possendorf gebaut. Damals waren die Kinder noch klein, die Infrastruktur in Possendorf nicht schlecht. Jetzt studiert die Tochter in Dresden und auch der Sohn ist dort zur Ausbildung. Die Nachtverbindung nach Possendorf ist nicht optimal und irgendwann kam der Gedanke auf, zurück nach Dresden zu ziehen.

Zufällig ergab sich schon bald ein Besuch des Baufeldes Bibrachstraße, etwa zwischen Räcknitz- und Südhöhe gelegen, und ein Gespräch mit Architekt Thomas Knerer. Dessen Hauskonzept überzeugte sofort. Mitarbeiterin Eva Gubalke beschreibt es als einfach, flexibel und unprätentiös. Ursprünglich entstanden war der Haustyp als Form eines mitwachsenden Hauses, das sowohl mit Zusatzmodulen “wachsen“ als auch bei Bedarf wieder geteilt werden konnte. Für die Bibrachstraße hatte das Architekturbüro Knerer Lang den Rahmenplan für insgesamt fünf Reihenhauszeilen entwickelt. Mindestens zwei Reihen davon sollten in einer „Kettenhaus“-Variante des mitwachsenden Hauses realisiert werden. Zwei unterschiedlich tiefe Module je Haus hätten nicht nur eine aufgelockerte Gesamtansicht ergeben, sondern gleichzeitig die große Südterrasse optisch und akustisch vom Nachbarn abgeschirmt.

Das Kriegel-Haus

„Bei der konkreten Grundrissplanung ist allerdings außer der Hülle nicht sehr viel übrig geblieben“ kommentiert Lutz Kriegel. „Ursprünglich waren die Grundrisse noch deutlich offener.“ Insgesamt hat das Haus nun rund 140 m² Wohnfläche, im Erdgeschoss dominieren südorientiert das Wohnzimmer und die Wohnküche. Oben haben Tochter und Sohn ihr Domizil. Das Schlafzimmer der Eltern in dem nach Norden auskragenden Gebäudeteil bietet gerade noch genügend Raum, um einen kleinen Arbeitsplatz am Fenster einzurichten.

altEine Dachterrasse war im Konzept nicht vorgesehen, konnte aber realisiert werden, indem das Zimmer dahinter verkleinert wurde. Jetzt hat man von hier einen wundervollen Blick auf das Wäldchen und kann relativ blickgeschützt die Sonne genießen. Das Bad im Obergeschoss hat ein schönes Dachfenster bekommen, das nicht nur einfach Tageslicht von oben ins Bad bringt. Man könnte auch in der Wanne liegen und die Wolken beobachten, schwärmt Gabriele Kriegel. Auch praktische Dinge wie zusätzliche Abstellflächen und ein Raum für Waschmaschine und Trockner kamen hinzu.

Ein Vorzug des Konzepts gerade darin besteht, sich flexibel an die individuellen Wohnwünsche der Bauherren anpassen zu können, betont Thomas Knerer.

Auf einen Keller wurde verzichtet. Da sammeln sich nur unnötig Sachen an, meinen Kriegels. Dafür bietet ein „Kellerersatzraum“ gegenüber dem Eingang die Möglichkeit, Fahrräder und anderes unterzustellen.

Wie gehen Kriegels mit der Offenheit der Räume um? „Diese Offenheit und Durchlässigkeit ist das Wichtigste,“ sagt Gabriele Kriegel, „vom offenen Treppenhaus bis zum freien Blick nach draußen. Manchmal bleiben schon Leute stehen und gucken. Da braucht man eben ein dickes Fell.“ Außerdem lässt sich über die Verschattung der Einblick abschirmen ohne den Blick nach draußen zu verhindern.

Plus und Minus beim Energiekonzept

Die großen Glasflächen der Fenster bringen Sonnenenergie und Wärme ins Haus. Lutz Kriegel gibt den U-Wert der Fensterflächen mit 1,2 an. Das ist für ein Haus nach gültiger Energieeinsparverordnung akzeptabel und die großen Glasschiebeelemente im Erdgeschoss erlauben vermutlich kaum eine Dreifachverglasung. Eine passivhaustaugliche Dreifachverglasung erreicht zum Vergleich heute U-Werte um 0,8 und ist neuerdings oft nur wenig Prozente teurer. Deshalb lohnt es sich immer, die Option Dreifachverglasung zu prüfen.

Vom energetischen Standpunkt ungünstig ist der im Obergeschoss nach Norden auskragende Gebäudeteil, der fünf von sechs Außenflächen aufweist. Passivhausarchitekt Uwe Kettner, der das Haus insgesamt sehr schön findet, hat grob überschlagen, dass nur dieser Gebäudeteil bei durchschnittlicher Dämmung mehr Heizenergie verbraucht als ein ganzes Passivhaus. Dieses Teil, erklärt Eva Gubalke, sollte als gestalterisches Element an der Nordseite die Reihenhäuser optisch gliedern. Thomas Knerer akzeptiert, dass eine kompaktere Lösung energetisch günstiger gewesen wäre und betont, dass Energie und Bauphysik für ihn schon sehr wichtige Aspekte sind.

Deshalb habe er auch ursprünglich ein Konzept favorisiert, eine Heizzentrale für die ganze Reihenhauszeile anzubieten, was sich an anderer Stelle bereits bewährt hat, hier aber als den Käufern nicht vermittelbar abgelehnt wurde.

Die Außenwände des Hauses sind mehrschalig aufgebaut. Ein massiver Kern wurde mit 10 cm Mineralwolle gedämmt und erhielt eine vorgehängte, hinterlüftete Fassade aus witterungsbeständigen, kunstharzgebundenen Platten.

Bauherr Lutz Kriegel entschied sich, sein Haus nicht mit einer Gastherme zu beheizen, sondern auf Erdwärme zu setzen, um unabhängig von Gaspreisen zu sein. Dazu brachte er im Garten vor dem Haus zwei 70 Meter tiefe Sonden ein. Die Wärmepumpe wird mit einem Speicher komplettiert. Das System liefert Warmwasser zum Duschen und für die Fußbodenheizung. Nach Angabe der Firma begrenzt Familie Kriegel damit die Kosten für Heizenergie auf 300 bis 400 € im Jahr. Den finanziellen Mehraufwand für diese Art der Heizung gibt Lutz Kriegel mit 16 bis 20.000 €uro an.

Fazit

Es ist ein bemerkenswertes Haus entstanden. Damit wird nun zugleich sichtbar, was hier an Potenzial verschenkt wurde, indem der Eigentümer und Vermarkter der Liegenschaft nicht konsequent an seinem ursprünglichen modernen Stadthauskonzept festgehalten hat. Neues braucht zumeist ein besonderes Engagement und einen langen Atem. Aber Durchschnitt gibt es schon viel zu viel.

Zu wünschen wäre auch, dass moderne Gestaltung noch dezidierter von vorn herein mit dem neuesten Stand von Energieökonomie und Baubiologie zu einem ganzheitlichen Konzept findet.

Offenbar Eindruck hinterlassen hat das Engagement der Firma Gläser Komplettbau aus dem Erzgebirge, die das ungewöhnliche Haus gebaut hat. Bauherr Lutz Kriegel bat wiederholt darum, seine Anerkennung für deren Leistung zu vermerken.

Dr. Ursula Unger 10/2006