10/2006 - Anders bauen - "Nestwerk Pillnitz"
"Nestwerk" am ehemaligen Weinberg
Eines der ersten Passivhäuser in Sachsen war das vor gut fünf Jahren gemeinschaftlich von neun Familien errichtete „Nestwerk Pillnitz“, bestehend aus zwei reihenhausähnlichen.
Mehrfamilienhäusern in Holzbauweise. Mit versetzten Geschossen folgen sie dem Verlauf des Pillnitzer Elbhangs. Für die Raumgestaltung ergab sich daraus im Erdgeschoss ein großer Wohnraum auf zwei Ebenen als interessante Lösung.
Das „Tal-Haus“ und das „Berg-Haus“ umschließen einen grünen Innenhof. Mit der Treppenkonstruktion als Verbindungselement zwischen den Häusern scheint das Ensemble die Idee des Dreiseithofes zu zitieren. Vom Dreiseithof hat es die intime Atmosphäre, aber die luftige Treppe signalisiert gleichermaßen auch Offenheit und Transparenz.
Früher war hier ein königlicher Weinberg, erzählt „Nestwerker“ Bernd Sternisko. Später siedelte sich eine Gärtnerei an. Einige der Obstbäume stehen noch im grünen Innenhof. Auch eine Pumpe oberhalb eines Regenwasserspeichers erinnert an alte Zeiten.
Dass die Häuser schließlich als Passivhäuser gebaut wurden, hat sich erst im Verlauf der gemeinsamen Planung ergeben. Fest stand anfangs nur, dass man gemeinsam bauen wollte, um Kosten zu sparen und um die übliche Anonymität zu vermeiden. Und ökologisch sollte es sein mit Baumaterialien, die gesundheitlich unbedenklich und diffusionsoffen sind.
Ökologisches Konzept
Auf chemischen Holzschutz wurde deshalb verzichtet und beim Anstrich ausschließlich mit Naturfarben gearbeitet. Gedämmt wurde mit Zellulose, die als Naturdämmstoff auch einen besonders günstigen sommerlichen Wärmeschutz garantiert. Fugen wurden mit Baumwolle und Flachs geschlossen. Lehmbau ergänzt sinnvoll den Werkstoff Holz. Gerade beim Lehmbau ließ sich viel in Eigenleistung schaffen. Ein hinterlüftetes Gründach und eine Regenwassernutzung runden das Konzept ab.
Den ökologischen Gedanken konsequent zu Ende zu denken hieß für die Architekten Olaf Reiter und Günther Rentzsch, die Häuser als Passivhäuser zu konzipieren. Lange wurde darüber diskutiert und gerechnet, ob ein Passivhaus bezahlbar ist.
Damals waren zum Beispiel Passivhausfenster noch richtig teuer. Zudem war die Lüftungstechnik noch weniger kompakt, so dass noch viel gebastelt werden musste. Zum Beispiel wurde das Lüftungsgerät extra schalldämpfend eingepackt. Unterstützt wurde das Projekt schließlich vom Innovationsfonds der Stadt Dresden bzw. der DREWAG. Die Baukosten betrugen insgesamt 1.350 € pro m² Wohn-/Nutzfläche (Kostengruppe 300 und 400).
Energiekonzept
Die Wände der Holzkonstruktion mit insgesamt 37 cm Zellulosedämmung erreichen einen U-Wert (Wärmedurchgangskoeffizient) von 0,11W/m²K. Die Fenster mit Dreischeibenwärmeschutzverglasung und wärmegedämmte Profilen schaffen einen U-Wert von 0,85 W/m²K.
Alle Räume können durch die Zuluft ausreichend mit Wärme versorgt werden. Die Lüftungsgeräte sind wohnungsweise installiert. Vortemperiert wird die Luft durch einen Erdreichwärmetauscher. Jedes Haus verfügt über eine Solaranlage von 12 m² und einen 1000-Liter-Pufferspeicher. Zum Nachheizen bei großer Kälte wurde eine kleine (eigentlich ausgelegt für ein Einfamilienhaus) Gasbrennwert-Therme installiert, auf die beide Häuser zugreifen. Ergänzend verfügt jede Wohnung über einen Badheizkörper und eine 3m² große Wandheizfläche im Wohnzimmer. Letztere erlaubt es vor allem an ungemütlich kalten Tagen zusätzlich wohlige Wärme zu genießen, auch wenn das von der Raumtemperatur her nicht nötig wäre.
Am Anfang waren viele erst mal skeptisch, wie das mit der Lüftung funktionieren würde, erzählt Bernd Sternisko, ob dann womöglich die Fenster nicht mehr aufgemacht werden dürfen, man die Vögel nicht mehr zwitschern hört usw. Aber im Sommer ist die Anlage ausgeschaltet. Und im Winter zwitschern die Vögel ohnehin nicht. Er hat seine Anlage erst vor ein paar Tagen wieder eingeschaltet als es nachts so kalt wurde.
Inzwischen haben sich die Bewohner daran gewöhnt, dass immer frische Luft in den Räumen ist, auch bei geschlossenem Fenster. Wände und Fußböden sind durch die gute Dämmung immer angenehm temperiert, strahlen keine Kälte ab.
Bilanz nach fünf Jahren
Inzwischen ist längst das Umfeld der Häuser grün und bunt von Blumen. Auf dem Hof lädt eine Bank zum Verweilen ein. „Es ist einfach herrlich hier zu wohnen“, sagt Bernd Sternisko. Diese Atmosphäre vermittelt sich auch dem Besucher.
Was zahlt man im Nestwerk derzeit an Betriebskosten? Die Gesamtnebenkosten seiner 114 m² großen Wohnung im Nestwerk von der Heizung samt Wartung über die Müllabfuhr bis zur Instandhaltungsrücklage gibt Bernd Sternisko mit aktuell 117 € gleich 1,03 € pro m² und Monat an. Zum Vergleich: für meine Wohnung, Baujahr1995, zahle ich dafür 3,27 € pro m² und Monat. Umgerechnet auf 114 m² ergibt das pro Jahr eine Differenz von rund 3.064 €, die ich in meinem konventionellen Neubau mehr zahlen muss.
Und was ist im Rückblick für den Architekten wichtig an dem Projekt? „Dass wir es so kostengünstig als Passivhaus realisieren konnten“, sagt Olaf Reiter. „Wir haben bewiesen, dass man gute Architektur mit einem ganzheitlichen ökologischen Konzept zu vertretbaren Preisen bauen kann.“ Diese Kombination ist auch heute noch eher die Ausnahme. „Die zweite spannende Seite des Projekts“, meint Olaf Reiter, „war die Idee des gemeinschaftlichen Wohnens. Neun Familien mit insgesamt 37 Mitgliedern vom Kleinkind bis zum Großvater, vom Dachdecker bis zur Ärztin, von streng katholisch bis zum Mitglied des PDS-Landesvorstandes haben den Beweis erbracht, dass es möglich ist und gut tut, mehr als nebeneinander zu wohnen.“
Auch nach fünf Jahren noch wird im Sommer gemeinsam gefeiert. Dazu wurde ein Lagerfeuerplatz angelegt. Gemeinsam pflegt man zudem eine kleine Anlage mit Obstbäumen in der Nachbarschaft, die als Ausgleich für die Bäume gepflanzt wurden, die dem Bau weichen mussten. Zum Elbhangfest, erzählt Bernd Sternisko, wird das „Café Nestwerk“ für Besucher eingerichtet. Alle Familien backen dann Kuchen und neuerdings gibt es sogar Musik auf einer kleinen Bühne.
Bernd Sternisko verspricht, Interessenten auf Wunsch die Anlage zu zeigen und Fragen zu beantworten. Sein Tipp für künftige Bauherren? Man sollte mal die steigenden Energiekosten hochrechnen und mit den Mehrkosten für ein Passivhaus vergleichen, meint er. Und da Allergien weiter auf dem Vormarsch sind, empfiehlt er, auf ökologische Materialien zu achten.
Dr. Ursula Unger 10/2006






