1. Warum sind Greenbuildings entstanden und was wird zertifiziert?
2. Vergleich von LEED und DGNB-Zertifizierung am Beispiel Tower 185
3. Greenbuildings in Sachsen: Medizintechnik Saegeling in Heidenau
1. Warum sind Greenbuildings entstanden und was wird zertifiziert?
Entstehung
Krankmachende Bürogebäude („Sick Building Syndrom“) wurden mindestens seit den 80er Jahren vor allem in den USA und Großbritannien zu einem Massenphänomen. Ursachen waren u. a. giftige Ausdünstungen von Baumaterialen und defekte Klimaanlagen. Das war für etliche der großen Immobilienvermarkter ein Anlass, nach einem Zertifizierungssystem für Büro-, Gewerbe- und Verwaltungsgebäude zu suchen, die ihren Kunden Sicherheit und ihnen selbst eine bessere Position am Markt geben sollten.
Ab den 90er Jahren traten zudem Ressourcenverknappung, Umweltverschmutzung und steigende Energiepreise/Betriebskosten immer mehr ins öffentliche Bewusstsein und führten zu einer Orientierung insbesondere der Großen der Branche auf nachhaltige Gebäude, sog. Greenbuildings.
Nachdem vor wenigen Jahren die Blase am Immobilienmarkt einer der Auslöser der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise war, steigt bei global agierenden Unternehmen und internationalen Immobilienvermarktern die Nachfrage nach „Greenbuildings“, nachhaltigen Immobilien, die per Zertifikat erwarten lassen, dass sie von guter gestalterischer und baulicher Qualität sind, ressourcensparend, emissionsarm und möglichst nutzungsflexibel, eine gesunde Raumatmosphäre bieten und letztlich nicht nur eine sichere Wertanlage und ein Beitrag zum Klimaschutz, sondern auch gut für`s Image sind.
Mehrere international anerkannte Zertifizierungssysteme aus den USA, GB, Frankreich und neuerdings auch Deutschland konkurrieren auf diesem Gebiet um Kunden.
Greenbuildings sind Gebäude mit besonderem (nachgewiesenem/quantifiziertem) Anspruch an
- Ressourceneffizienz, insbes. Energie, Wasser, Baustoffe vom Planen über das Bauen bis zur gesamten Betriebsphase teilw. bis zum Abriss ( allein in Dt. ca. 332 Mio. t Abfälle im Baugewerbe pro Jahr)
- Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt
- Nutzung erneuerbarer Energien
- Reduzierung von Treibhausgasen bis hin zum Null-Emissionsgebäude.
Zertifizierungssysteme wurden weltweit entwickelt
- um bereits in der Entwurfsphase die Nachhaltigkeit eines Gebäudes abzuschätzen und
- Ziele wie Gesundheit und Ressourceneffizienz einzubeziehen.
- Sie sollten integrierte, ganzheitliche Entwurfspraktiken unterstützen,
- ökologische Aspekte im Bereich der Bauindustrie mehr in den Mittelpunkt rücken,
- den Wettbewerb auf diesem Gebiet anregen sowie
- das Bewusstsein der Konsumenten in Bezug auf den Nutzen nachhaltiger Gebäude erhöhen,
- letztlich den Markt deutlich in Richtung Nachhaltigkeit beeinflussen.
Die bekanntesten Zertifizierungssysteme sind
- BREAM (Building Research Establishment Environmental Assessment Method) GB seit 1990, auch Niederlande und Hong Kong, ca 100.000 zertifizierte Gebäude
- LEED (Leadership in Energy and Environmental Design), USA seit ca. 1997, auch in Kanada, Brasilien und Indien, ca. 1.600 zertifizierte Gebäude in USA
- DGNB (Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen e. V.) seit 2008
Hinzu kommen mehrere vorwiegend nationale Zertifizierungssysteme wie
- HTQ (Haute Qualité Environnementale) in Frankreich,
- Minergie in der Schweiz
- CASBEE in Japan
- Green Star in Australien
Der World Green Building Council (World-GBC), gegründet 1998/99, ist als Non-Profit-Organisation ein Dach über den regionalen Verbänden, und koordiniert den Wandel der Bau- und Immobilienbranche in Richtung Nachhaltigkeit.
Ihm gehören 20 Voll-Mitgliedsländer mit eigenem GBC an, darunter Australien, Deutschland, Indien, Japan, Kanada, Mexiko, Neuseeland und die Vereinigten Arabischen Emirate. Hinzu kommen neun neue („emerging“) Mitgliedsländer sowie 24 künftige und 25 assoziierte Länder, die bereits aktiv an der Gründung eines GBC arbeiten. Insgesamt arbeiten also bereits Verteter aus 78 Ländern weltweit mit.
2. Vergleich von LEED und DGNB-Zertifizierung am Beispiel Tower 185
Ein zertifizierungswilliger Investor legt vor allem folgende Maßstäbe an die Auswahl eines Zertifizierungssystems:
- Welchen Stellenwert hat das jeweilige Label für meine Kunden (Endinvestor/Mieter)?
- Wie einfach ist das Instrument als Planungstool zu handhaben?
- Welche Mehrkosten kommen auf mich zu?
LEED ist ergebnisorientiert (man zertifiziert nur, wenn sicher ist, dass man z. B. Gold erreicht).
Bei DGNB ist das Verfahren mehr prozessorientiert und die Zertifikatsstufe nicht von vorn herein klar.
Aktuelles Beispiel Tower 185, Frankfurt/Main
Dieses Projekt war für eine LEED-Zertifizierung vorgesehen. Dann wurde das deutsche Zertifizierungs-Tool für Büro- und Verwaltungsgebäude der DGNB gerade fertig und der Investor entschied – vermutlich zu Sonderkonditionen – das Gebäude parallel durch DGNB begleiten und zertifizieren zu lassen, so dass sich hier ein interessanter Vergleich bietet.
Beide Systeme bieten einsn detaillierten Leitfaden, der die wesentlichen Nachhaltigkeitskriterien beschreibt, die Umsetzung messbar aufzeigt u. Anforderungen an die Dokumentation zur Vergabe eines Zertifikats eindeutig definiert.
Zum Projekt:
Der Tower 185 (nach der Höhe benannt), ein Projekt der Vivico Real Estate, Architekt Prof. Mäckler, wird derzeit in zentraler Lage von Frankfurt am Eingang des neuen Europaviertels zwischen Hauptbahnhof, Messe und Bankenviertel fertig gestellt. Auf einer Fläche von 18 ha entstehen rund 100.000 m² Mietfläche, auf 50 Etagen Büros, im Gebäudesockel Gastronomie und Geschäfte, die Fertigstellung ist Ende 2011 geplant. Kreditvolumen 154 Mio €.
Gemeinsam mit Ankermieter PricewaterhouseCoopers herrschte Einigkeit über Ansprüche an
- Zeitgemäße Gestaltung und Funktionalität,
- Effizienten und energieoptimierten Betrieb,
- Minimierung von Betriebs- und Investitionskosten,
- Hohe Innenraumqualität für hohe Nutzerzufriedenheit,
- Hohe Anforderungen an Flexibilität der Nutzung und Vermietung.
| LEED |
DGNB |
|
7 Mindestanforderungen Nichtrauchergebäude gefordert, alternativ müssen Maßnahmen zum Schutz der Nichtraucher umgesetzt werden. Es wurden geschlossene Raucherräume mit eigener Absaugung geschaffen. |
Statt Formulierung von Mindestanforderungen wird Einhalt der gesetzlichen Vorgaben (z. B. EnEV, DIN…) bewertet. |
|
Aufbau/Kriterien: System von Gutschriften und Punkten wie
(Kriterien wie Energieeffizienz, ökolog. Auswirkungen der Bausubstanz und Anforderungen an Gesundheit und Behaglichkeit ziehen sich bei beiden Systemen zumeist durch mehrere „Steckbriefe“) |
Kriterien (je max. 10 Punkte):
Ausführliche Kriterien-Steckbriefe und Wichtung |
| Energieeffizienz (EEZ) auf Nutzungsphase begrenzt.
Auch der Energiebedarf für Bürogeräte, Aufzüge, Küchentechnik, Außenbeleuchtung wird erfasst. sgesamt gibt es 3 Steckbriefe für die Bewertung der EEZ. Sie sind den Themenfeldern Energie und Atmosphäre zugeordnet. EEZ geht mit ca. 20% in die Gesamtwertung ein |
Energieeffizienz (EEZ) auf ges. Lebenszyklus bis zum Abriss bezogen.
Es werden nur die Energieströme nach DIN 18599 berücksichtigt. Insgesamt 8 Steckbriefe, zugeordnet den Bereichen ökologische und ökonomische Qualität. EEZ geht mit ca. 20% in die Gesamtwertung ein |
| Berechnungs-Grundlagen
Standard ASHRAE 90.1-2004 |
Berechnungs-Grundlagen
Berechnungsvorschriften der EnEV mit der DIN 18599, in Verbindung mit einer Ökobilanzierung nach DIN EN ISO 14040 und 14044. |
| Primärenergiebedarf und EEZ:
Erfüllungsgrad 60% |
Gesamt-Primärenergiebedarf und Anteil erneuerbarer Primärenergie (Steckbrief 11): Erfüllungsgrad 68% |
| Thermischer Komfort, Behaglichkeit:
Anteil von 3% an der Gesamtwertung Sonderpunkte, wenn der Bauherr 6-18 Monate nach Inbetriebnahme bei laufendem Betrieb eine Erhebung zur Nutzerzufriedenheit durchführt, verbunden mit der Selbstverpflichtung zur Nachbesserung, falls mehr als 20% unzufrieden sind mit dem therm. Komfort. |
Thermischer Komfort, Behaglichkeit:
Anteil von 4% an der Gesamtwertung (LEED und DGNB berücksichtigen beide z.B. Aktivitätsgrad der Personen, operative Raumtemperatur, lokale Luftgeschwindigkeit, Strahlungstemperaturasymmetrie, Luftfeuchte sowie den Anteil Tageslichtnutzung als Faktor für Behaglichkeit und EEZ) |
| Ökonomische Qualität
ökonomisch optimiertes Gebäude mit niedrigen Lebenszykluskosten und guter Wertstabilität u.a. Innovationen zum effizienten Wasserverbrauch umgesetzt. Erfüllungsgrad rund 80% |
Ökonomische Qualität
ökonomisch optimiertes Gebäude mit niedrigen Lebenszykluskosten und guter Wertstabilität u.a. Innovationen zum effizienten Wasserverbrauch umgesetzt. Erfüllungsgrad rund 80% |
| Gesamterfüllungsgrad
69 % Gold |
Gesamterfüllungsgrad
66% Silber |
Fazit:
Trotz der Unterschiede im Detail ist das Ergebnis der Bewertung bei beiden Systemen vergleichbar. Bei beiden erreicht der Tower die zweitbeste Medaille, wobei Gold bei LEED zwar die zweitbeste Stufe ist, sich aber wie die beste anhört, während das bei DGNB eben Silber ist.
Auch der Aufwand unterscheidet sich nicht grundlegend.
Das Problem der Ausrichtung an US-Standards bei LEED kann durch einen erfahrenen Auditor entschärft werden. Dafür bietet LEED eine kostenlose Online-Plattform für die Dokumentation, was den Zertifizierungsprozess vereinfacht. Bei DGNB ist eine Software kostenpflichtig zu erwerben.
Beide Systeme tragen wesentlich dazu bei, das Bewusstsein für ökologisches Bauen zu schärfen, Fragen aufzuwerfen, die üblicherweise im Planungsprozess nicht gestellt werden und Ergebnisse messbar zu machen.
Beide Systeme wirken als Qualitätssicherungsinstrument für die durchgängige Umsetzung nachhaltiger Ziele.
Ablauf einer DGNB-Zertifizierung:
- Anmeldung des Projekts bei der jeweiligen Zertifizierungsstelle durch den Auditor
- Über ein Vorzertifikat kann eine detaillierte Absichtserklärung abgegeben werden, welche Kriterien mit welcher Qualität in dem Projekt umgesetzt werden sollen und welches Zertifikat angestrebt wird. Ggf. sorgt ein Quick-Check für Klarheit über die Zertifizierbarkeit
- Es muss aufgezeigt werden, wie sich die Green-Building-Maßnahmen auf die Kosten auswirken, d. h. wie wirtschaftlich das Vorhaben ist. Auf dieser Basis kann der Auftraggeber eine fundierte Entscheidung treffen.
- Wenn das Green-Building-Ziel fest steht, ist es Aufgabe des Auditors, für die Integration der Kriterien in den Planungs- und Realisierungsprozess zu sorgen.
- Der Auditor integriert alle Teilaspekte nachhaltigen Bauens im gesamten Prozess der Planung und Realisierung, wobei er federführend den Überblick behält. Auswahl und Qualifikation des Auditors ist damit wesentlich für den Erfolg und die Effizienz in der Umsetzung der Ziele.
3. Greenbuildings in Sachsen: Medizintechnik Saegeling
Der zweigeschossige Bau musste in ein schmales Grundstück eingepasst werden und zieht sich bei optimaler Geländenutzung schlangenförmig zur Straße hin. Hier empfängt der runde vollverglaste Kopfbau den Besucher in einer eleganten, lichten Lobby, die sich über beide Geschosse zieht. Die gewölbten Scheiben sind hier 6 Meter hoch (2x2 Scheiben, Spezialanfertigung in Finnland). Die Lobby wurde ohne Stützen realisiert. Das Rund der äußeren Gestaltung setzt sich im Inneren fort, ebenso wie die außen verwendeten Farben (aubergine, weiß).
Die nichttransparenten Fassadenflächen erhielten außen 12 cm Wärmedämmung, die auf 11 cm verschleift wurden, um die Rundungen zu realisieren.
Die Gesamtkosten für den ambitionierten Bau sind mit 2,1 Mio. € moderat.
Das Haus transportiert zugleich Werte des Unternehmens: Transparenz, Eleganz, Leichtigkeit und wirkt in diesem Sinne sowohl überzeugend auf Kunden als auch auf Selbstverständnis und Motivation der Mitarbeiter. Das Haus hat das Unternehmen in einem großen Kreis bekannt gemacht und war insofern ganz sicher eine lohnende - auch geistige - Investition.
Architekt:
Netzwerkpartner Gerd Priebe, GPAC, Dresden (www.gpac.de)







